Geschäfte mit der Hoffnung: In diesen Krankenhäusern wird Mologens wirkungsloser Krebs-Wirkstoff Lefitolimod getestet, damit der Aktienkurs steigt

Die Berliner Krebsforschungsfirma Mologen AG lässt in über 100 europäischen Krankenhäusern den Wirkstoff Lefitolimod testen, obwohl damit seit vielen Jahren kein Fortschritt erzielt wird. Den Patienten bringt es wenig, aber die Spekulanten freuen sich.

An über 500 Darmkrebs-Erkrankten in Deutschland, Österreich und anderen europäischen Staaten wird derzeit der Wirkstoff Lefitolimod erprobt. An der Studie nehmen renommierte Krankenhäuser teil.

Ob das Mittel überhaupt heilt, ist fraglich. Doch darum geht es den Verantwortlichen möglicherweise gar nicht. Denn die Studie ist jetzt schon ein lukratives Geschäft – für Krankenhäuser und Börsenspekulanten, die auf die Aktie der Krebsforschungsfirma Mologen setzen.

Nachweislich manipuliert die Mologen AG die Ergebnisse ihrer Medikamenten-Studien für die Öffentlichkeitsarbeit und Investor Relations. Das Muster ist immer dasselbe:

  1. Eine völlig übertriebene Unternehmensmitteilung geht über den Börsenticker.
  2. Kurz danach schnellt der Aktienkurs nach oben.
  3. Wenig später kehrt der Kurs auf den alten Stand zurück oder liegt sogar darunter.

Profi-Händler wissen, wie man mit solchen Situationen umzugehen hat und machen entsprechend Kasse.

Hier beschreibe ich, wie Mologen die Ergebnisse von Studien verdreht:

Beide Artikel sind seit rund einem Jahr online. Bisher ging die Mologen AG unter ihrem sehr klagefreudigen Aufsichtsratsvorsitzenden Oliver Krautscheid nicht dagegen vor.

An der aktuellen IMPALA-Studie von Mologen nehmen offiziell 127 Krankenhäuser und medizinische Institutionen teil. Darunter befinden sich renommierte Häuser:

  • Universitätsklinik Wien
  • Charité Berlin
  • Unversitätsklinikum Carl Gustav Carus, Dresden
  • Universitätsklinikum Frankfurt
  • Universitätsklinikum Freiburg
  • Universitätsklinikum Halle (Saale)
  • Universitätsklinikum Köln
  • Universitaetsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universitaet, Mainz
  • Universitätsklinikum Tübingen
  • Thoraxklinik Heidelberg (Prüfzentrum)

Hier ist die komplette Liste der Krankenhäuser, die offiziell an der IMPALA-Studie teilnehmen: →Liste. (Quelle: clinicaltrials.gov)

Und hier ist die amtliche →Studienbeschreibung der US-Behörde NIH.

Ich schrieb von dieser Liste alle Krankenhäuser im deutschen Sprachraum an und bat um eine Stellungnahme. Nur ein Bruchteil reagierte. Tenor: Dazu wollen wir nichts mitteilen.

Einige Krankenhäuser verneinten, dass sie an der IMPALA-Studie teilnehmen, zum Beispiel das Universitätsklinikum Krems (Österreich), oder keine Patienten stellen, die an der Studie teilnehmen: Marien Hospital Witten, Klinikum Baden, Klinikum Stuttgart.

Für Krankenhäuser und andere Heilanstalten ist die Teilnahme an einer Medikamentenstudie in der Regel höchst lukrativ.

Die Bereitstellung von kranken Probanden und die medizinische Begleitung der Studie bringen bis zu 12.000 Euro netto pro Patient, bestätigt der Krankenhaus-Experte und Geschäftsführer eines anerkannten deutschen Instituts für Gesundheitsökonomie. Davon entfallen etwa 50% auf sogenannte Overheadkosten.

Die Patienten erhalten üblicherweise keine Entschädigung. Sie werden mit Hoffnung bezahlt.

Wie trügerisch diese Hoffnung sein kann, zeigt die akribische Auswertung einer weiteren Mologen-Studie namens IMPULSE, die ich für →diesen Artikel vornahm.

Anhand der veröffentlichten Daten wird klar, dass fast alle Patienten, die im Rahmen dieser Studie mit Lefitolimod gegen kleinzelliges Lungenkrebs behandelt wurden, schneller verstarben als die Probanden der Kontrollgruppe, die kein Lefitolimod erhielten.

Sie verstarben teilweise sogar ein halbes Jahr früher! Dies geht aus einer →Studienpräsentation vom September 2017 hervor.

Natürlich fragte ich nach, warum die Lefitolimod-Testerei angesichts solcher Ergebnisse nicht sofort gestoppt wurde.

Antwort: “Keine statistische Signifikanz…”

Auch im BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) heißt es über die Mologen-Tests: Alles in Ordnung.

Dennoch könnte das zynische Fazit der Mologen-Patientenstudie IMPULSE lauten: Stirb schneller!

Als offizieller Prüfarzt für die IMPULSE-Studie (Lungenkrebs) zeichnet der in Pharmakreisen sehr beliebte Lungenkrebsspezialist Prof. Michael Thomas von der Thoraxklinik Heidelberg verantwortlich.

Thomas zählt zu den meistzitierten Ärzten seines Fachs und steht als Berater und Miet-Sprecher in den Diensten diverser Pharmafirmen wie Astrazenca, Boehringer, Lilly, Novartis. Pfizer und Roche.

Für Mologen leistet Thomas wichtige Auftritte bei Fachkongressen, die sich für die Börsen-PR ausschlachten lassen.

Seit den 1990er-Jahren forscht und testet Mologen Wirkstoffe. Gegen Katzen-Aids (auch FIV genannt), Leishmanose (befällt Hunde und Menschen) und hauptsächlich Krebs.

Bisher ohne den geringsten Erfolg.

Keinem einzigen bei Mologen entwickelten Wirkstoff wurde jemals die Zulassung erteilt.

Der Börsengang von Mologen machte Gründer Burghardt Wittig im Jahr 1998 zum Millionär. Als sich jedoch nach Jahren keine Fortschritte einstellten, verließ Wittig 2008 den Vorstand und wirkt bis heute als wissenschaftlicher Berater hinter den Kulissen weiter.

In der deutschen Krebsforscher-Community spielt Wittig keine wichtige Rolle. Obwohl er sich gut darauf versteht, in der Presse die Pose des Hoffnungsträgers einzunehmen.

Erstmals 1994 trat Wittig als Medianstar auf, als die Zeitschrift Focus zwei Krebsforscher abfeierte: Roland Mertelsmann von der Universität Freiburg und Burghardt Wittig vom damaligen Berliner Rudolf-Virchow-Klinikum.

Beinahe zeitgleich behaupteten beide Forscher damals, einen wichtigen Durchbruch in der Gentherapie für Krebskranke erzielt zu haben.

Die ZEIT schrieb damals:

Als in der vergangenen Woche der Startschuß für die somatische Gentherapie in Deutschland fiel, begann sogleich der Wissenschaftlerstreit. Nachdem der Freiburger Genforscher Roland Mertelsmann bekanntgegeben hatte, daß er zum ersten Mal zwei Krebspatienten mit erbgutveränderten Zellen behandelt habe, zogen wenige Stunden später Berliner Wissenschaftler nach und meldeten, ihnen gebühre eigentlich der Siegerkranz im Wettforschen. Burghardt Wittig vom Klinikum Rudolf Virchow teilte mit, er habe einen Patienten mit Nierenzellkrebs bereits sechs Wochen lang mit gentechnisch vermehrten “Killerzellen” therapiert.

Hier geht’s zum →Artikel.

Mertelsmann wurde wenig später in den bis dahin größten →Fälschungsskandal der deutschen Medizingeschichte verwickelt. Und Wittig hat bis heute kein Medikament entwickelt, das irgendeinen Patienten heilt.

Trotz allem gilt Wittig bei manchen Spekulanten immer noch als Lichtgestalt.

Kriminelle und Halbwelt-Gestalten wie →Markus Frick und →Florian Homm zog Wittigs Forscherei an wie eine Glühlampe die Insekten der Nacht.

Dann kamen andere. Zum Beispiel der Derivatehändler, Großspekulant und Sexseiten-Gründer →Thorsten Wagner, der seit Jahren mit hohem Aufwand versucht, dieses Blog gerichtlich verbieten zu lassen.

Mit Wagner im Schlepptau betrat 2014 dessen enger Vertrauter Oliver Krautscheid die Bühne der Mologen AG und sorgt seitdem für erbitterten Streit zwischen den Aktionären. Zum Beispiel durch den versuchten Betrug mit einer für Wagner höchst vorteilhaften Wandelanleihe, die ihm hinter dem Rücken der anderen Aktionäre viele Millionen Euro in die Kasse spülen sollte.

Krautscheid, der als selbsternannter Sanierer →mehrere Insolvenzen verursachte (unter anderem gemeinsam mit Escada-Gründer →Wolfgang Ley) und bei einer Reihe börsennotierter Firmen für dramatische Kursstürze steht, gilt auch als Vertrauter von Philipp Haindl aus der bekannten Augsburger Milliardärsfamilie.

In der Haindl-Vermögensverwaltung Serafin war Krautscheid sogar mal Geschäftsführer.

Heute sitzt Krautscheid zusammen mit den Serafin-Gesellschaftern Philipp Haindl und Dino Kitzinger im Führungsteam der betulichen Kulturveranstaltung →Nymphenburger Sommer.

Wittig, Wagner, Krautscheid – im Reigen der dubiosen Mologen-Figuren mischt jetzt auch noch ein weiterer Player von einschlägigem Ruf mit: Wilhelm Zours vom Mologen-Großaktionär Deutsche Balaton AG will ab sofort mitbestimmen und strebt eine →außerordentliche Hauptversammlung an, auf der Krautscheid aus der Position des Aufsichtsrats verdrängt werden soll.

Dies, obwohl Wagner und Zours seit ewigen Zeiten friedlich nebeneinander Positionen bei der Mologen AG halten und ihre Aktien sogar einem gemeinsamen Stimmrechtsvertreter und Rechtsanwalt namens Stefan Ten Doornkaat in die Hände drückten, der in der Geschichte der Mologen AG →eine kuriose Rolle spielt.

Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.

Börsenkennern muss man die aggressive Stilistik der Balaton-Leute nicht näher erklären. Siehe Biofrontera AG.

Die Notierung der Mologen AG ist mittlerweile auf einem Tiefststand angekommen. Was nicht heißt, dass man mit dieser Schmuddelaktie kein Geld verdienen kann.

Spätestens, wenn die nächste unsubstantiierte Mologen-Jubelmeldung zur IMPALA-Studie über den Ticker geht, hüpft der Kurs um ein paar Millimeter nach oben und die Trader machen ihren Schnitt.

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